COVID als Digitalisierungsturbo?

Die Corona-Pandemie hat unsere Gesellschaft überrascht, Gesellschaft und Politik waren in vielen Bereichen überfordert. Auch die Schulen kamen an ihr Limit…

Danny Frischknecht

Stellen Sie sich vor, sie gehen ins Wochenende und wollen sich erholen und am Montag ausgeruht und motiviert wieder zur Arbeit zu gehen. Dann wird plötzlich alles anders. Das Wochenende ist abgesagt, weil Ihre Arbeit auf den Kopf gestellt wurde. Schlimmer noch, nicht nur Ihre Arbeit, sondern die gesamte Arbeit Ihres Unternehmens.
Das haben viele Schulen erlebt, als der Lockdown kam. Präsenzunterricht, das gemeinsame Lernen im Klassenverband, war per sofort heruntergefahren. Weil Schülerinnen und Schüler aber nicht einfach Ferien auf Zusehen machen können, musste der Unterricht sofort digitalisiert werden. Die vorhandenen Kanäle wie eMail oder Chats wurden ausgebaut, die Clouds mutierten von Datenablagen der Lehrpersonen zu Kommunikationsplattformen, Online Lernangebote bekamen massiv mehr Gewicht.

Gut gemacht!

Es ist erstaunlich, wie gut Schulen auf diese Situation reagiert haben. Nicht nur mussten die vorhandenen Kommunikationsmittel auf- oder ausgebaut werden, sondern neue Wege und Mittel mussten ausprobiert und insbesondere die Unterrichtsinhalte digitalisiert werden.
Es hat sich schnell gezeigt dass auf Dauer nicht einfach Mäppchen mit den Hausaufgaben deponiert und von den Eltern oder Kindern abgeholt und wieder abgegeben werden konnten. Ebensowenig genügte es nicht, dass Unterlagen in PDFs konvertiert und auf Austauschplattformen abgelegt wurden.
Plötzlich wurden Mittel eingesetzt werden, die vorher ungenutzt oder verpönt bis verboten waren. Selbst die sonst so wachsamen Datenschützer blieben aussen vor – was nicht das Schlechteste war.
Letztlich ist es dem grossen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken, dass das gelungen ist.
Nun ist die Krise gemeistert, die Schulen wurden möglichst schnell wieder geöffnet, der soziale Austausch auf Schulweg, Pausenplatz und im Schulzimmer wieder aufgenommen. Freude herrscht!

Und wie weiter?

Was ist heute? Wieviel Digitalisierung hat sich in den Schulen eingenistet, ist gekommen, um zu bleiben? Auf jeden Fall nutzen Schulen mehr digitale Mittel als vorher. Es werden Erfahrungen gemacht, was digitale Kommunikation ermöglichen kann – aber auch, wo sie nichts taugt.
Das Zurverfügungstellen und Austauschen von Unterrichtsinhalten haben sich bewährt, Erklärvideos haben inflationär Einzug gehalten, die direkte Kommunikation mit Eltern etwa via Chat hat an Bedeutung gewonnen.
Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass Chats oder Videokonferenzen nur ein schwacher Ersatz für direkte Kommunikation sind, sie weitgehend im Einzelkontakt brauchbar sind, kaum für die Arbeit mit ganzen Schulklassen taugen. Und es haben sich grosse Unterschiede in der sinnvollen Nutzung auf verschiedenen Altersstufen gezeigt.
Gesucht sind also hybride Modelle, die sich gegenseitig ergänzen.
Die Onlineplattform oder die schulinterne Cloud kann man vermehrt als Ablage, als Kommunikations- oder Kooperationstool einsetzen. Lerneinheiten im Netz, Youtube-Videos oder Wikipedia bieten neue Möglichkeiten, der Unterricht kann durch digitale Mittel stärker differenziert werden. Das gemeinsame Erarbeiten im Klassenverband, die Demonstration von Techniken und Inhalten muss aber weiterhin das Zentrum des Unterrichts sein.
Die Lehrerinnen und Lehrer sind herausgefordert, die digitalen Möglichkeiten mit den klassischen analogen Mitteln zu verbinden, diese zu ergänzen. Der Mehrwert bleibt dabei ein wichtiges Ziel. Wer nur bisherige Inhalte digitalisiert oder Wikipedia als Ersatz des Lexikons im Regal ersetzt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob sich der Aufwand dafür lohnt.
Was klar ist; diese Aufgabe wird uns Jahre beschäftigen, braucht Initiative, Diskussion, Ausprobieren und Verwerfen. Die Schule muss den adäquaten Platz in der digitalen Welt finden, Gewohntes muss hinterfragt und teilweise abgelöst werden – das braucht Energie und Zeit! Und es braucht Investitionen in die Weiterbildung – sonst werden auch weiterhin nur „technikaffine“ Lehrpersonen die Aufgaben bewältigen können. Und glauben Sie mir – die „nicht affinen“ stehen bei Weitem nicht alle vor der Pensionierung…

Die Technik?

Hektisch, inflationär, konzeptlos – so wurde die Ausrüstung von Schulen erlebt. Im Eiltempo wurden Clouds implementiert oder ausgebaut, neue und mehr Geräte wurden beschafft, Onlineplattformen ohne Evaluation eingesetzt. Zurück bleibt eine gewisse Ernüchterung, dass der geleistete Aufwand nicht den erhofften Erfolg hatte, nur wenig Mehrwert generieren konnte. Das persönliche Laptop oder Tablet für jedes Kind verkommt an vielen Orten wieder zum Arbeitswerkzeug, mit dem Vokabeln oder Mathematik geübt werden, ab und zu einmal eine Recherche gemacht, eine „Power Point“ erstellt wird. Viel zu oft bleibt es Flickwerk. Die Technik alleine kann es nicht richten! Immerhin bleiben die Ausrüstung mit mehr Geräten, die Verlagerung in die Cloud oder die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel eine Chance.

Die Pädagogik?

Viele Medienpädagogen mögen die Aussage „Pädagogik vor Technik“ nicht, weil das weitgehend nur substitutiv wirke, vorhandene Inhalte ersetze und keine neuen Möglichkeiten hervorbringe.
Ich halte es trotzdem für eine zentrale Aussage. Solange Pädagoginnen und Pädagogen keine Vorstellung davon entwickeln, welchen Stellenwert die digitalen Mittel haben sollen, wie analoge und digitale Mittel und Arbeitsformen sich ergänzen können, werden zuwenig Entwicklungen geschehen, die Hand und Fuss haben.
Das Erklärvideo kann eine Ergänzung sein – es ersetzt die gemeinsame Erarbeitung, die Demonstration nicht. „Flipped Classroom“ klingt schön und spannend – es ist aber nicht auf allen Stufen und vor allem nicht für alle Schülerinnen und Schüler hilfreich.
Differenzierung im Unterricht, selbständiges und gemeinsames Lernen – sie bleiben Herausforderungen und werden durch die Digitalisierung nicht einfacher oder gewinnbringender. Es braucht eine pädagogische, eine didaktische und methodische Vorstellung von gutem Unterricht – die Einbettung digitaler Medien ist dann Mittel zum Zweck. Auch wenn das nicht allen gefällt, wenn digitale Instrumente zum Selbstzweck werden, ist die Schule nur einen kleinen Schritt vorwärts gekommen, dann bleiben die getätigten Beschaffungen zu wenig sinnvoll und nachhaltig.

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