Warum haben wir eigentlich Angst vor der Regulierung?

Im Leben von Kindern und Jugendlichen spielen Freiheit und Regeln eine zentrale Rolle. Sie müssen lernen, dass es in jedem Bereich unseres Lebens einen Rahmen gibt, in dem wir uns bewegen. Dazu gehören auch Verbote.

Danny Frischknecht

Es gibt Grenzen, die Sinn machen – nicht immer und nicht immer gleich. Üblicherweise stellen sie aber einen gesellschaftlichen Konsens dar.

Zweimal warum…

Warum schützen wir unsere Kinder vor den Gefahren des Strassenverkehrs, vor Alkohol und Drogen, vor Gesundheitsrisiken? Warum bauen wir Spielplätze, Schulen und Kindergärten nach gewissen Sicherheitsvorgaben?
Weil es Sinn macht, weil Kinder und Jugendliche die Risiken ihres Handelns nur bedingt abschätzen können, weil sie Gefahren nur bedingt erkennen und weil sie lernen müssen, dass unsere demokratische Gesellschaft nur funktioniert, wenn wir Regeln definieren und einhalten. Ganz einfach eigentlich.

Warum aber tun wir uns so schwer, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche vor den Gefahren digitaler Medien zu schützen? Mittlerweile wissen wir, dass übermässiger Bildschirmkonsum zu Ablenkung und Übermüdung führt, zu Depressionen und verminderter Aufmerksamkeit, zu Selbstmordgedanken, Realitätsverlust, schlechterer Emotionsregulation und vermindertem Selbstwertgefühl. Die Hirnentwicklung wird negativ beeinflusst und der Konsum führt zu Suchtverhalten. Erschreckend dabei ist auch, dass Mädchen deutlich stärker von den negativen Folgen betroffen sind als Jungen.

Diese Bild wurde mit ChatGPT erzeugt…

Wo ist das Problem?

Gefährlich sind «social media» -Plattformen wie Tik Tok, oder Instagram. Facebook und Youtube kann man schon beinahe vernachlässigen, weil Kinder und Jugendliche sich dort zunehmend weniger aufhalten. Mittlerweile tummeln sich dort die Erwachsenen, und wer will schon seinen Eltern «followen»?
Mindestens so problematisch sind Apps wie etwa Snapchat, Roblox oder Whatsapp.

Zwei grosse Probleme;

  • Die Systeme arbeiten mit Belohnungssystemen, welche die Benutzerinnen und Benutzer online halten. Sie bringen sie dazu, dass sie stundenlang vor den Geräten sitzen, sich darin verlieren und Entzugserscheinungen zeigen, wenn sie über eine gewisse Zeit keinen Zugang haben.
  • Die Unternehmen hinter diesen Systemen treffen keinerlei Anstalten, um die Nutzerinnen und Nutzer zu schützen. Haben Sie schon einmal versucht, bei Facebook und Co. einen gefährlichen Beitrag löschen zu lassen? Falls Sie überhaupt eine Antwort oder Reaktion erhalten haben, gehören Sie bereits zu den Glücklichen. Selbst Behörden wie die Polizei haben grosse Schwierigkeiten damit.
    Bitte nicht vergessen; das oberste Ziel dieser Unternehmen ist nicht, sozial verträglich oder verantwortlich zu handeln, sondern mit ihren Angeboten Geld zu verdienen, viel Geld.

Medienkompetenz und Zeitlimiten

Eine «Legende», die sich nach wie vor beharrlich hält; es braucht zeitliche Limitierungen und einen kompetenten Umgang mit diesen Medien.
Warum sollen Kinder und Jugendliche „eine gewisse Zeit“ haben, um sich selbst zu schaden? Unter 16 Jahren darf man auch nicht «ein, zwei Bierchen» trinken, unter 18 Jahren darf man auch nicht täglich eine halbe Stunde Autofahren.
Es gibt keine Begründungen, warum Bildschirmmedien für Jugendliche unter 13 Jahren notwendig sein sollen. Solche Empfehlungen für Zeitlimits werden heute schon fast als Aufforderungen verstanden, als Legitimation.

Was richtig ist; Medienkompetenz ist wichtig und muss Kindern und Jugendlichen vermittelt werden. Dafür benötigen sie aber keine eigenen Smartphones oder den freien privaten Zugang zu Apps und Plattformen.

Gesetze nützen sowieso nichts?

Die Anbieter solcher Apps und Plattformen machen zwar vollmundige Versprechen, setzen diese aber in fast lächerlicher Art und Weise um. Facebook, Youtube, Snapchat, Whatsapp, Tik Tok und Instagram dürfen theoretisch erst ab 13 Jahren genutzt werden – wer kontrolliert es?
Niemand, denn Selbstdeklaration und unkontrollierte Altersangabe sind kein Schutz.

Verbote sind schwierig umzusetzen, selbstverständlich werden Kinder und Jugendliche Wege finden, diese zu umgehen. Aber es deswegen lassen? Das tun wir bei Tabak- und Alkoholkonsum schliesslich auch nicht, oder beim Töffli- und Autofahren.

Australien verbietet social media unter 16 Jahren, in Grossbritannien gibt es Ansätze, Frankreich strebt eine Altersgrenze an und auch Spanien plant ein solches Verbot. Selbst in der Schweiz werden Stimmen lauter, die ähnliche Forderungen stellen.

Was also tun?

Wir müssen Eltern dabei unterstützen, dass sie «resilient» werden, ihren Kindern Grenzen setzen können. Wenn Staat und Schulen helfen, wird es bedeutend einfacher.

Obwohl Internetkonzerne viel Druck machen, ständig neue Mechanismen austüfteln – eine Gesellschaft muss fähig sein, ihre Kinder und Jugendlichen zu schützen.
Dazu gehört ganz klar die Befähigung für den Umgang mit solchen Medien. Dazu gehört aber ebenso die Zugangsbeschränkung.
Denken Sie an die negativen Folgen, dann wird klar; es geht nicht darum, dass wir Kindern und Jugendlichen etwas wegnehmen, was sinnvoll ist und Spass macht. Es geht darum, dass wir sie vor gravierenden Folgen von etwas schützen, das sie krank macht. Das sind wir ihnen schuldig.

Hinweise

Die beste Prävention ist aus meiner Sicht der gesunde Menschenverstand. Ich treffe vornehmlich Eltern, die wissen, dass der Bildschirmkonsum problematisch ist. Diese Informationen sind angekommen.
Es geht also vielmehr darum, dass Staat, Schule und Eltern gemeinsam Lösungen finden. Das haben wir bei Alkohol und Drogen, im Strassenverkehr oder beim Sport geschafft (Doping). Warum sollte es uns ausgerechnet beim Bildschirmkonsum nicht gelingen?

Es gibt viele Studien, viele Fachleute, die aufzeigen, was geschieht, wie Kindern geschadet wird. Diese hier aufzulisten, wäre ein hoffnungsloser Versuch.

Darum füge ich nur zwei Links an. Einen zum Profil der Neurowissenschaftlerin Barbara Studer, die sich in diesem Bereich engagiert und einen zur erwähnten, aktuell wohl umfangreichsten Studie, die sie erwähnt.

https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7423279116591996928

https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/19452829.2025.2518313